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Zwischen Bitcoin und Kettensäge

Wer gerade nach Argentinien blickt, erlebt einen Rückbau des Staates. Aber auch auf Youtube und in den Sozialen Medien werden Bürger+innen mit Werbung, teilweise intellektuell verbrämt, zum Bitcoin konfrontiert. Worum geht es dabei? Was ist die Logik hinter einer Liberalisierung, etwa der Währung?

Style PASS sprach mit dem profilierten Wirtschaftswissenschaftler Prof. Heiner Flassbeck über die aktuellen Trends auf der Welt und in Deutschland.

Style PASS: Wie viele Liberale braucht man, um eine Glühbirne einzusetzen? Antwort? Keinen, das regelt der Markt. In Argentinien setzt Javier Milei aktuell darauf, den Staat mit der Kettensäge zu kastrieren, um die "freien Marktkräfte" rauszukitzeln. Wie bewerten Sie das?

Prof. Heiner Flassbeck: In Lateinamerika gibt es alle paar Jahre einen Heilsbringer von der linken oder der rechten Seite. Die scheitern praktisch alle, weil sie keine Ahnung von vernünftiger Wirtschaftspolitik haben. Milei ist nur ein besonders extremer Vertreter der rechten Seite. Er glaubt, man könne mit totaler Liberalisierung die Wirtschaft ankurbeln. Das ist eine komplette Illusion. Schauen wir doch die USA an. Das Wunderland des Kapitalismus braucht unglaublich viel Staat und noch mehr staatliche Schulden, um ihre Wirtschaft am Laufen zu halten. Es ist unmöglich, ohne staatliche Unterstützung eine dynamische Wirtschaftsentwicklung hinzukriegen.

Style PASS: Argentinien müsste sich ja vielmehr im globalen Kontext verorten.

Ja, das ist so. Milei hat ein gewaltiges Probleme mit seinem außenwirtschaftlichen Regime, also mit der Währung, der Währungsrelation des Pesos zu anderen Ländern. Der Staat hat unter Milei einen Kurs festgesetzt und strebt eine bestimmte Abwertung an. Warum überlässt er das nicht dem Markt? Weil auch er weiß, dass es dann fürchterlich wird, weil man gegen den Peso spekuliert. Argentinien hat eine hohe Inflation. Auch die muss der Staat bekämpfen. Das alles dem Markt zu überlassen, wie es in den libertären Lehrbüchern steht, ist verrückt, das weiß sogar Milei.

Style PASS: Woran liegt es, dass Politiker+innen mit unvernünftigen Konzepten nach wie vor immer wieder gewählt werden?

Zunächst glauben wir alle, wir verstünden etwas von Wirtschaft. Bei den Unternehmern ist der Glaube besonders ausgeprägt. Der Unternehmer versteht aber nichts von Wirtschaft (und die schwäbische Hausfrau auch nicht), weil die Gesamtwirtschaft ganz anders funktioniert als ein Unternehmen. Zudem tun wir uns als Gesellschaft generell schwer, hoch gebildete Menschen in die Spitze der Politik zu bringen. Wir haben eine Politikerklasse, die ich nicht als "hoch gebildet" bezeichnen würde - das geht aber über alle Parteien hinweg. Das ist auch kein deutsches Phänomen.

Style PASS: Ein aktuelles Beispiel?

Gerade hat Herr Merz einen Brief veröffentlicht, in dem er betont, wir müssten die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands erhöhen. Eigentlich sagt er damit: Wir müssen die Wettbewerbsfähigkeit anderer Länder verschlechtern, damit es uns besser geht. Das ist die Logik dieser Aussage und das ist, gerade in der Währungsunion in Europa, eine wirtschaftliche Kriegserklärung an die Handelspartner. Und zudem noch in einer Welt, in der Herr Trump gerade sagt, dass er das nicht mitmacht und deswegen Zölle erhöht. Es ist sehr naiv von Herrn Merz, der CDU und der CSU, zu glauben, sie kämen damit durch.

Style PASS: Wie will Herr Merz sein Ziel erreichen?

Kosten senken, kürzen, kürzen. Kosten sind in dieser Welt nur dummerweise immer auch Einkommen. Wozu soll das führen? Das kann dazu führen, dass ich meine Nachbarn fertig mache. Die müssen dann auch die Kosten und die Einkommen senken. Das macht schließlich die deutsche und die europäische Wirtschaft kaputt.

Style PASS: Es schwingt bei solchen Aussagen zur Wettbewerbsfähigkeit ja teilweise auch sowas mit, dass es da einerseits Leute gibt, die viel arbeiten und es anderseits Leute gibt, die wenig arbeiten und wir deshalb nicht "wettbewerbsfähig" sind. Die sozialen Gruppen werden gegeneinander ausgespielt.

Ich will Herrn Merz nicht mal bösen Willen unterstellen. Die Leute verstehen es offenbar einfach nicht, dass Europa nur aus sich selbst wachsen kann. Die Masse der Menschen muss vernünftige Einkommen beziehen und der Staat muss Schulden machen. In den 50er und 60er Jahren haben sich die Unternehmen noch verschuldet und einen Gegenposten zum Sparen der Haushalte geschaffen. Das tun sie jetzt aber nicht mehr. Seit ca. 20 Jahren sparen die Unternehmen und die privaten Haushalte. Wenn aber alle per Saldo sparen, geht die Wirtschaft sehr schnell den Bach runter.

Style PASS: Wenn die Menschen offenbar lieber sparen?

Ich will niemanden zwingen, Geld auszugeben, aber die Politik muss die richtigen Konsequenzen daraus ziehen. Wenn gespart wird, muss der Staat sich verschulden. Die Politiker+innen haben aber eine panische Angst vor Schulden. Weil sie den Zusammenhang zwischen Schulden und Sparen einfach nicht verstehen.

Style PASS: Was würde eine gute Fiskalpolitik aus Ihrer Sicht auszeichnen?

Wer gute Politik machen will, muss die relevanten Zusammenhänge verstehen. Das heißt, dass man versteht, dass Sparen und Schulden zwei Seiten derselben Medaille sind. Man muss außerdem die Menschen mitnehmen, das heißt, man muss ihnen immer die Einkommen geben, die der Produktivität der Volkswirtschaft entsprechen. Man braucht eine vernünftige Lohnpolitik, weil sonst die Nachfrage nicht stimmt. Das haben wir in den letzten zwanzig Jahren nicht gemacht, weil wir den Gürtel enger geschnallt haben mit Schröder und Co.. Damit haben wir zwar im Ausland Erfolge erzielt, aber wir haben unsere und die europäische Wirtschaft im Inneren kaputt gemacht.

Style PASS: Nun wird seit Monaten über Sparpotential beim Bürgergeld diskutiert.

Diese Art von Sparen ist generell falsch. Das ist keine moralische Frage, sondern eine ökonomische. Wir haben seit über drei Jahren ein Nachfrageproblem, eine Rezession. In dieser Situation kann der Staat nicht auch noch kürzen, ohne die Rezession zu verschärfen. Wenn am Bürgergeld gekürzt wird, wird an der Nachfrage gekürzt. Man schadet unmittelbar den Unternehmen.

Style PASS: Sie sind für einen hohen Mindestlohn?

Alle Löhne, auch der Mindestlohn, müssen unseren Verhältnissen entsprechen. Wenn in Deutschland die Produktivität steigt, muss man den Mindestlohn erhöhen. Das ist ganz selbstverständlich. Dafür braucht man auch keine Kommission.

Style PASS: Anderes Thema! Style PASS startete ja irgendwann mal mit dem Thema Frauenfußball als gesellschaftliches Brennglas. In den USA haben prominente Frauen wie Eva Longoria in den Verein "Angel City" investiert, hier in Deutschland tut man sich mit der Monetarisierung des Frauenfußballs noch schwer.

(lacht) Fußball interessiert mich schon! Das ist eine Frage des Marketings. Ich denke, früher oder später wird sich das entwickeln. Der Frauenfußball steht ja jetzt schon viel besser da als vor zehn Jahren. Da braucht man einfach noch ein bisschen Geduld. Wenn es ein attraktives Spiel ist, ziehen auch Fans nach. Es gibt keinen strukturellen Grund, nicht in den Frauenfußball zu investieren.

Style PASS: Viele Liberale setzen nun auf den Bitcoin. Style PASS ergänzt, dass der Bitcoin hoch spekulativ ist. Man kann den Bitcoin sicherlich auch als Gegenbewegung zum Bankensystem und vielen Dysfunktionalitäten sehen. So profitiert von der Giralgeldschöpfung erstmal nur die Bank und nicht der oder diejenige, der / die sein Geld auf ein Konto gelegt haben. Das zum Thema "Sparen".

Der Bitcoin ist die größte und zugleich dümmste Spekulation der letzten Jahrhunderte. Diese Spekulation wird ebenso enden, wie die auf Tulpenzwiebeln oder amerikanische Häuser. Bitcoin beruht auf dem Glauben, der Staat mache das Geldsystem kaputt. Das sind diese Milei-Leute, die sagen, der Staat mache alles falsch mit dem Geld. Das ist jedoch ein grandioses Fehlurteil und früher oder später wird dieses Fehlurteil zu Tage treten. Genau dann, wenn es irgedeinen Schock gibt und viele Bitcoin-Besitzer in Panik geraten. Dann bricht es in Minuten zusammen und niemand kommt mehr raus. Der Bitcoin ist eine vollkommen sinnlose Spekulation.

Style PASS: Wie funktioniert das?

Der Bitcoin beruht nur darauf, dass es genügend Mileis gibt, die glauben, man könne auch beim Geldwesen den Staat verdrängen. Das gelingt aber nicht einmal Milei. Es ist eine irrsinnige Spekulation und der Zusammenbruch wird viele Länder ruinieren. Dubai war vor zehn Jahren schon mal fast bankrott, das vergessen ja viele.

Style PASS: Wann bricht der Bitcoin zusammen?

Das weiß niemand. Wir kennen das Muster aber genau. Aus irgendeinem Grund entsteht Panik und fast alle wollen verkaufen. Alle wollen dann raus aus dem Markt. Doch das gelingt nicht, die Blase platzt so schnell, dass man niemanden mehr findet, der kaufen will - und dann ist es vorbei!

Style PASS: Eine letzte Frage: Die Gender-Diskussion, bezieht diese sich auch auf wirtschaftliches Denken? Sehen Sie Unterschiede bei Männern und Frauen, wie diese auf das Thema "Geld" und das "Wirtschaftssystem" blicken?

Manchmal wird gesagt, Männer seien risikofreudiger. Frauen hatten in der Vergangenheit aber einfach weniger Gelegenheit, risikofreudig zu sein. Die volkswirtschaftliche Klugheit oder Unklugheit ist nach meiner Erfahrung als Dozent völlig gleich verteilt. Ich habe da im Laufe meiner Karriere wirklich keine Unterschiede bemerkt.

Vielen Dank!

 

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Wie viele Liberale braucht man, um eine Glühbirne einzusetzen?

Antwort?

Keinen, das regelt der Markt. In Argentinien setzt Javier Milei aktuell darauf, den Staat mit der Kettensäge zu kastrieren, um die "freien Marktkräfte" rauszukitzeln.

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