Sports & Politics

Die WM in Katar eskaliert immer mehr zum Fiasko

Nichts gelernt und nichts gesagt

Ja, das ist schon so eine Sache mit der Meinungsfreiheit in Deutschland. In Artikel 5 des Grundgesetzes ist diese hinterlegt, dass „jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten“. Ein allgemeines Bürgerrecht, das wir nach dem zweiten Weltkrieg festgeschrieben haben und auf das wir Deutschen angeblich alle mächtig stolz sind. Kommt es zum Thema „Austragung der WM 22 im Emirat Katar“ scheint dieser Paragraph zwar nicht ausgehebelt – davon Gebrauch machen möchte dann aber doch nicht jeder!

Worum geht es? Die Missstände im Emirat Katar – 2,7 Millionen Einwohner, eine Monarchie unter Emir Scheich Tamim bin Hamad ath-Thanir an der arabischen Ostküste gelegen – sind hinlänglich bekannt. Unwidersprochen hat das Magazin „Guardian“ von mehr als 5.000 Toten auf Großbaustellen berichtet. Hierbei handelte es sich zum überwiegenden Teil nicht um Bürger des Emirats, sondern um Gastarbeiter, die aus Indien oder Bangladesch angeworben worden sind. Denn das Emirat ist wirtschaftlich gesehen eine Goldgrube – nicht für die Arbeiter aus anderen Entwicklungsländern, sondern für die monarchisch geprägte Oberschicht Katars, sowie Investoren aus Europa oder Russland.

Katar lockt die Gastarbeiter an, denn dort, wo diese herkommen, können sie ihre Familien nicht versorgen, weil durch Überbevölkerung, Nachwirkungen des Kolonialismus, kriminelle Diktatoren und ökologischen Raubbau die Länder wirtschaftlich am Boden liegen. Die Hotel und Apartmentkomplexe wachsen, und dank der Leiharbeiter – manch einer spricht hier lieber von „Sklaven“ -, kann Katar Luxusstandards im Service von Hotels und Ausstattung von Wohnungen anbieten.

Nachdem Dubai als Eldorado für Herrn und Frau Mustermann mit Hang zu Tausendundeiner-Nacht-Kitsch abgegrast ist und langsam dank kilometerlanger Betonsiedlungen den Charme der Costa Blanca aufweist, nun also Katar?

Die Chancen stehen gut, dass auch die Fußball-Weltmeisterschaft in Katar mithelfen wird, soziale Spaltung im Emirat und darüber hinaus weiter zuzuspitzen. Denn die Menschenrechtsstandards im Emirat sind an vielen Stellen miserabel und auf dem Stand feudalrechtlicher Regelungen des europäischen Mittelalters.

Seltsam also, warum die WM also gerade dort ausgetragen werden soll, denn am Beispiel Brasilien (WM 2014 Style PASS berichtete ausführlich über die sozialen Auswirkungen für die Bevölkerung im Land), hätte man lernen können – und natürlich sollen. Denn die Spitzenverbände des Fußballs sind schließlich dazu verpflichtet, nicht nur die Zuschauerzahlen im Blick zu haben.

Kooperation auf Klopapierrollen?

Zuletzt sorgte der Deutsche Fußball-Bund für Aufsehen, als durch die Medien geisterte, der deutsche Verband strebe eine Kooperation mit Qatar Airways an. Toll gedacht vom keinen Fettnapf auslassenden Verband, schließlich müssen Fußballer und Fans ja irgendwie zur WM kommen. Da bietet es sich doch an, die Logos von DFB und Qatar Airways auf Homepages und Klopapierrollen drucken zu lassen. Kleiner unverbindlicher Vorschlag von Style PASS, denn wie die Kooperation aussehen soll, weiß natürlich noch niemand, und wer wem eigentlich Geld fürs Einkaufen des jeweils schlechten Images geben soll, bleibt bislang offen.

Das Spiel etwas besser verstanden scheint indes Katar, denn die staatliche Fluglinie lässt durchblicken, die Deutschen seien auf sie zugekommen – und nicht umgekehrt. Der Wüstenstaat tritt selbstbewusst auf. Da hilft auch nix, dass Star Kicker Toni Kroos in seinem Podcast die Diskriminierung und staatliches Malträtieren von Homosexuellen anprangert.

Der DFB möchte erwartungsgemäß mit Style PASS nicht sprechen, als wir dem Verband ein paar nachvollziehbare Fragen zum Thema zusenden. Lieber stellt die Pressestelle ein paar Links zu DFB-eigenen PR-Texten zusammen, in die Style PASS natürlich artig reinzappt: Da schaut den geneigten Rezipienten plötzlich Ex-DFB Boss Fritz Keller an, von dem wir eigentlich dachten, er sei im wechselseitigen Einvernehmen abgesägt worden. Als Bauernopfer darf er – optisch zumindest - allerdings offenbar weiter herhalten. Im unter Kellers Bild stehendem Text ist zu lesen, dass „Sport über politische, religiöse und kulturelle Grenzen hinweg Brücken bauen und Grundlagen für Verbesserungen schaffen kann“ und der Verband schlussfolgert, „dass die WM als Motor zu einer positiven Entwicklung in Katar beitragen kann.“ Keller wird zitiert: „Menschenrechte sind universell gültig und nicht verhandelbar.“ Offenbar doch, sonst hätte Deutschland seine Teilnahme an der WM in Katar einfach absagen müssen, denn dass dort Menschenrechtsstandards an vielen Stellen fehlen, ist hinlänglich bekannt.

Keine Antwort ist auch eine Antwort, findet Style PASS

Style PASS fragt also bei deutschen Bundesliga-Clubs nach, wie die die Austragung der WM in Katar finden und ob „es den Sport nicht insgesamt schädige, wenn eine WM mit derart negativen Umständen im Gastgeberland begleitet würde?“ Bayern München antwortet erst gar nicht, immerhin hat Uli Hoeneß bereits im Doppelpass zusammen gefasst, dass die Debatte „scheinheilig“ wäre, denn dann dürfe man auch „mit China keine Geschäfte machen!“ Das stimmt zwar irgendwie, wenn sich allerdings Multi-Millionäre mit flotter Rhetorik und einer Portion Zynismus aus der sozialen Verantwortung ziehen, macht es die Sache sicherlich nicht besser.

Toll argumentiert auch Wolfsburg, dort würde man sich zu Katar „grundsätzlich nicht äußern“, da dieses „Thema nicht den Frauenfußball betrifft.“ Achso. Style PASS dachte eigentlich, dass der DFB sowohl für den Frauen- und auch Männerfußball zuständig sei, denn wir fragten bei Wolfsburg, welches Verhalten sich der Verein in Bezug auf Katar vom DFB wünschen würde und – wie gesagt –, ob Katar nicht den Sport insgesamt schädigen würde? Nach dieser Logik müsste Wolfsburg eigentlich weibliche Zuschauer beim Männerfußball verbieten oder diesen zumindest untersagen, dass sie was zum Männerfußball sagen dürfen. Kleiner Scherz!

Seltsam, diese Stille im Walde, denn angeblich geht es in der Debatte um Katar ja gerade darum: Dass wir aus den westlichen Demokratien mit Worten und Taten dem in Punkto Menschenrechte rückständigen Emirat Katar helfen, sich weiterzuentwickeln. Warum ergreift dann niemand das Wort und sagt etwas dazu, fragt sich Style PASS?

Sicherlich zeigt die Debatte um die Kooperation mit Qatar Airways, worum es eigentlich geht: Geld! Von der WM profitieren Fernsehsender, Werbepartner und Fußball-Merchandising, geschädigt werden hingegen diejenigen, welche die WM erst möglich machen: Die Arbeiter im Emirat Katar. Zwar seien Verbesserungen für die Arbeiter auf den WM-Großbaustellen eingetreten, schreibt Amnesty International, allerdings nicht in ausreichendem Maße. Prekär sei weiterhin die Lage auch den Hausangestellten und Leuten im Dienstleistungs- und Sicherheitsgewerbe.

Man kann sich auch einmal fragen, warum es überhaupt angeblich ein Fußballturnier braucht, um Menschenrechtsverbesserungen in anderen Ländern herbeizuführen? Haben wir hierzu nicht unsere lieben Politiker mit „Ressortverantwortung Entwicklungs- und Außenpolitik“?

Für die Menschenrechtsverletzungen im Emirat Katar sind nach wie vor jahrhundertealte, bislang nicht reformierte Regelungen verantwortlich: Die sogenannte „Kafala“ im rechtlichen Sinne betrifft das Arbeits-, Aufenthalts- und Familienrecht. So macht Amnesty darauf aufmerksam, dass wechselwillige Arbeitsmigranten von ihren Arbeitgebern nach wie vor wegen „Entlaufens“ angezeigt würden – einem Straftatbestand nach kartarischem Recht. Es besteht ein massives Machtungleichgewicht zwischen Arbeitgebern und Arbeitsmigranten, das durch die Kafala stabilisiert wird. Amnesty hat hierzu einem umfangreichen Forderungskatalog für dringend überfällige Reformen in Katar aufgestellt.

FDP-Politikerin äußert sich

Auf Anfrage von Style PASS äußert sich allerdings die Vorsitzende des Ausschusses für Menschenrechte im Bundestag, Gyde Jensen (FDP). Wir fragen, ob sportliche Großereignisse überhaupt noch „zeitgemäß seien“? Jensen sagt, sie glaube, Sportverbände würden „gut daran“ tun, sich „endlich wieder bewusst zu machen, was den meisten Sportlern und Fans längst klar ist: Nämlich welche Verantwortung der Sport mit seiner enormen Reichweite hat und welche Kraft zum Guten er entwickeln kann.“ Sie schlägt konkret vor: „Länder, bei denen wir davon ausgehen müssen, dass beispielsweise eine WM-Vergabe dazu führt, dass Menschenrechtsverletzungen passieren – etwa durch Sklaverei beim Bau von Sportstätten – könnte man unter Vorbehalt in eine Vorauswahl schicken. Erst wenn sie in maßgeblichen Menschenrechtsbereichen Fortschritte erzielt haben, sollten sie den Zuschlag als Austragungsort bekommen.“

Style PASS findet: Die Austragung der WM in Katar ist nicht nachvollziehbar – an dem Mega-Sportevent hängt schon jetzt eine Menge Blut – und wenig Ehre!

 

Glaubwürdig

Tu' Gutes und sage es den Medien. Zynisch übersetzt, das hilft dem beschädigten Image auf. Soeben wird berichtet, dass die Deutsche Fußball-Liga (DFL) und der Deutsche Fußballbund (DFB) einen mit drei Millionen Euro bestückten Hilfsfonds für die Geschädigten der Hochwasserkatastrophe aufgelegt haben. Das ist gut so und der Sportfreund kann sicher sein, dass Benefizspiele folgen werden.

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