Sports & Politics

Immer mehr Kritik an Katar

Die Kritik an der Ausrichtung der WM im Emirat Katar besteht seit Anbeginn an. Nachdem sich verschiedene männliche Spieler zu Wort gemeldet haben, hat nun auch die Fan-Initiative "Unsere Kurve" klar Stellung bezogen. Style PASS sprach mit der Vorsitzenden Helen Breit.
 
Style PASS: Unsere Kurve ist gegen die WM in Katar. Die Gründe, die gegen Katar sprechen, werden ja schon seit längerem in den Medien thematisiert. Ihre Prognose: Wie geht's weiter?
 

Helen Breit: Das ist schwer zu sagen. Jetzt ist der DFB als Verband am Zug. Dieser kann sich meiner Meinung nach dem Druck nicht mehr entziehen und muss sich endlich umfassend positionieren. Zum einen zur Vergabe der WM nach Katar und damit verbundenen Korruptionshinweisen. Zum anderen zur Teilnahme an dieser WM. Bezüglich der Teilnahme muss der DFB zwingend einen Kriterienkatalog über Bedingungen aufstellen, die bis zum Sommer nächsten Jahres in Katar erfüllt sein müssen. Zum Beispiel die Garantie von Pressefreiheit im Land, die Installation unabhängiger Beobachter:innen, den gleichberechtigten Zugang für alle Menschen zur WM und die Garantie der Rede- und Meinungsfreiheit in den WM-Stadien und im Zusammenhang mit der WM. Wir erwarten vom DFB, dass er sich zu den aufgestellten Forderungen verhält.

Style PASS: Manche Menschenrechtsorganisationen glauben, das sportliche Großereignis könnte Verbesserungen für die Menschen bringen, indem der mediale Fokus auf Missstände gelenkt würde. Wie sehen Sie das?

Ich möchte hier zwischen der Vergabepraxis von sportlichen Großereignissen und den Umgang mit geschaffenen Tatsachen unterscheiden. Niemand hat eine WM nach Katar oder auch nach Russland vergeben, um endlich einen Anlass zu haben, zur Verbesserung der Menschenrechtssituation beizutragen. Dahinter stecken ganz andere Kalküle, vor allem wirtschaftliche Gründe. Die Korruptionsvorwürfe rund um Weltmeisterschaften, die im Übrigen auch Deutschland bei der WM 2006 betreffen, lassen wir mal außen vor. Elf Jahre nach der Vergabe befinden wir uns in einer Situation, in der es unserer Meinung nach darum gehen muss, für die Menschen vor Ort das Beste aus der schlechten Situation herauszuholen. Und dies kann natürlich nur mit Druck gelingen. Dieser kommt von der Basis und von NGOs, muss aber zwingend vom DFB an die FIFA und direkt an die Verantwortlichen in Katar weitergeben werden. Nur mit einer konsequenten Erwartungshaltung, die an Bedingungen geknüpft ist, können Verbesserungen der Lage vor Ort erreicht werden.

Style PASS: DFB und Fifa - wie bewerten Sie das Verhalten der Fußballverbände in Bezug auf Katar?

Es ist unfassbar, dass die verschiedenen Korruptionsvorwürfe, auch zu anderen Weltmeisterschaften, nicht lückenlos und transparent aufgearbeitet werden. Ich habe bei solchen Vorwürfen überhaupt kein Verständnis für Verjährungsfristen. Auch bezüglich des anstehenden Turniers bleiben bisher eindeutige Positionierungen und Grenzziehungen aus. Dabei haben nicht die Fans die WM nach Katar vergeben und die Funktionäre müssen das nun ausbaden. Die Verantwortlichen haben sich selbst in diese Situation katapultiert und müssen für diese Entscheidung vor, während und auch nach der WM Verantwortung übernehmen, statt sich raus zu reden.

Style PASS: Unsere Kurve hat Forderungen aufgestellt, wie lauten die und für wie realistisch halten Sie es, dass diese umgesetzt werden?

Neben der bereits erwähnten umgehenden und umfassenden Positionierung zu allen Themen rund um die WM in Katar und die Erstellung eines Kriterienkatalogs fordern wir den DFB zu einer Selbstverpflichtung auf: Die potenziellen Gewinne aus einer möglichen Teilnahme an der WM in Katar müssen bis 2027 eingefroren werden und dürfen nur dann genutzt werden, wenn Berichte unabhängiger NGOs aufzeigen können, dass es bis 2027 nachweislich zu nachhaltigen Verbesserungen der Menschenrechtslage gekommen ist. Denn dies verpflichtet den DFB, auch über das Turnier hinaus Verantwortung zu übernehmen. Darüber hinaus fordern wir die Spieler auf, sich kritisch mit der Lage vor Ort auseinanderzusetzen und ihre Reichweite dafür zu nutzen, die Achtung der Menschenrechte einzufordern. Wir blicken aber auch auf die Situation in Deutschland und fordern die unmittelbare Beendigung jeglicher Geschäftsbeziehungen mit Firmen, Institutionen und Staaten, die systematisch Menschenrechte verletzten und sogenanntes sportswashing betreiben. Wir halten alle unsere Forderungen für umsetzbar. Ob sie umgesetzt werden, liegt an dem Willen der Verantwortlichen und daran, wie viel Druck auf diese ausgeübt wird, endlich zu handeln.

Style PASS: Die Macht der Fans? Müssten sich Fans/Bürger gegen Katar bekennen?

Es geht nicht darum, sich für oder gegen einen Staat zu bekennen. Es geht darum, Entscheidungsprozesse kritisch zu hinterfragen, die Fußballverbände in die Verantwortung zu nehmen und sich unmissverständlich für die Achtung der Menschenrechte einzusetzen - egal über welches Land und welches Turnier wir sprechen. Dazu gehört selbstverständlich genauso die selbstkritische Frage des Konsums. Jeder Mensch muss selbst entscheiden, was er mit seinem Gewissen vereinbaren kann und entsprechend handeln.

 

“Us against Q.A.T.A.R.” 

Style PASS schließt sich Protesten an 

Es ist ein schmaler Grat, wie vieles im Leben: Wie schützt man Menschrechte? Wie führt man – pragmatisch gesehen – Verbesserungen für die Lebenswelten von Menschen herbei, die noch nicht von den Errungenschaften von Humanismus und Co. profitieren?

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