Sports & Politics

„Frauen wollen ein Gesamtpaket“

Nach wie vor gibt es nicht viele, die sich um Verträge und Verhandlungen im Bereich Frauenfußball kümmern. Der smarte Sportmanager Dr. Tim Nebelung hat sich mit 11friends auf die Beratung von Spielerinnen spezialisiert. Und? Immer mehr Spielerinnen suchen seine Hilfe, denn die Sportart geht nach vorne. Style PASS online Herausgeberin Eva Britsch sprach mit ihm über seine Arbeit.

Style PASS online: Wer verhandelt besser: Männer oder Frauen?

Dr. Tim Nebelung: Das ist Charaktersache und so nicht zu beantworten.

Style PASS online: Sie haben bereits Transfers und Vertragsverhandlungen im Männerfußball geführt – gibt es Unterschiede zwischen Frauen und Männern, wie diese an Verträge, Jobs und ihr berufliches Weiterkommen heran gehen?

Frauen interessieren sich generell eher für ein „Gesamtpaket“ bestehend aus finanzieller und sportlicher Perspektive und dies kombiniert mit einer beruflichen Perspektive wie ein Studium, Ausbildung etc. Letzteres ist in Verhandlungen bei den Männern uninteressant – außer im Jugendfußball.

Style PASS online: Nach wie vor wird – zumindest in Deutschland – im Frauenfußball weitaus weniger verdient als im Männerfußball – woran liegt’s?

Dies hat zweierlei Gründe: Zum einen an der medialen Präsenz des Frauenfußballs, zum anderen an der Zuschauerzahl im Stadion. Wenn bei einem Bundesligaspiel im Frauenfußball 400 Zuschauer im Stadion sind, dann entspricht das so viel, wie bei einem Oberliga- oder Regionalligaspiel im Männerbereich. Warum sollten die Frauen dann so viel verdienen, wie die Männer in der Bundesliga, wo 40.000 auf der Tribüne sitzen und abends das Spiel in der „Sportschau“ läuft und live übertragen wird?

Style PASS online: Gibt es Lösungsansätze?

Da muss der DFB bzw. alle Sponsoren und Förderer des Frauenfußballs ansetzen. Eine mediale Präsenz des Frauenfußballs ist notwendig – und dies nicht nur im Internet per stream. Es braucht ein Format wie die „Sportschau“. Eine Stunde „Sportschau-Frauenfußball“. Das würden Menschen – jung wie alt – sehen und denken: Mensch, da möchte ich mal live dabei sein... Dieser Prozess muss angekurbelt werden. In England und Frankreich läuft dies bereits so. Samstag Abend 19:30. Primetime. Und dann läuft auf einen Top-Sender wie Canal+ 45 Minuten Zusammenfassung, Interviews nur zum Thema Frauenfußball. Um weiter mitzuhalten und unsere Liga weiterhin attraktiv und stark zu erhalten, führt meines Erachtens kein Weg an einem solchen Prozess vorbei. Dies würde dann auch dazu führen, dass die Gehälter steigen, da mehr Sponsoren, Zuschauer und Fernsehgeld im Topf sind.

Style PASS online: Es gibt noch Hemmschuhe?

Debatten in vielen anderen Nationen zeigen aber, dass sich der Frauenfußball immer weiter entwickelt und immer mehr die Präsenz erhält, die es verdient: So hat auch der brasilianische Fußballverband beispielsweise in der vergangenen Woche bekannt gegeben, den Nationalspielerinnen künftig die gleichen Boni wie den Männern zahlen zu wollen. Und auch der englische Fußballverband hat nachgezogen. Das sind alles Positivbeispiele, an denen sich andere Nationen orientieren sollten.

Style PASS online: Wie sieht es mit Werbepartnern für die durch 11friends betreuten Spielerinnen aus? Welche Marken sind frauenfußballaffin?

Da gibt es eine ganze Menge. Während es im Männerbereich für die meisten Spieler uninteressant ist, ob sie für einen Post bspw. 1000 Euro erhalten, wiegt dies bei den Frauen natürlich anders. Da es schlichtweg anders in Relation zum Gehalt steht. Deshalb haben wir für unsere Spieler diverse Werbepartner – neben den Klassikern der Sportausrüster. Besonders im Bereich Sportlernahrung und Regeneration interessieren sich viele (junge) Marken für unsere Spielerinnen. Oftmals wachsen die Marken auch mit der medialen Reichweite, die die Spielerinnen als Markenbotschafterinnen mitbringen. Es entsteht dann eine Win-Win-Situation für beide Seiten. Zudem kommen auch immer wieder Schmuck,-Mode-, oder Lifestyle Unternehmen auf uns zu – eben Marken oder Produkte, die Mädchen und junge Frauen gerne in ihrer Freizeit tragen. Oftmals entsteht dann auch ein Dominoeffekt. Eine Spielerin trägt ein Shirt, eine Uhr oder ein Armband und ihre Mitspielerinnen interessieren sich dafür und teilen das Erlebnis mit der Marke auf ihren Social-Media-Kanälen. Das ist natürlich für die Werbepartner Gold wert.

Style PASS online: Worauf müssen Profi-Fußballerinnen bei Verträgen und Transfers besonders achten?

Dass der Vertrag in puncto Gehalt dynamisch ist, Freiheiten für einen Transfer offenlässt, aber dennoch genügend Sicherheit bietet. Vertragslänge und -dynamik sind das wichtigste.

Style PASS online: In Deutschland die Schule abgeschlossen, dann ab nach Frankreich oder die USA. Wechseln deutsche Spielerinnen gerne ins Ausland?

Einen Wechsel einer Spielerin zum Studium in die USA bzw. zum Collegefußball gibt es. Interessanter sind aber Transfers ins Ausland, wenn man eine erfahrene Bundesligaspielerin oder Nationalspielerin ist. Denn dann ist es möglich als Vollprofi Auslandserfahrung zu sammeln – und da kenne ich eine ganze Menge von Spielerinnen, die dies wollen.

Style PASS online: Wer Erfolg hat, hat bekanntlich viele Freunde. Beraten Sie die Spielerinnen auch in Bezug auf ihr soziales Umfeld?

Nein, da mische ich mich nicht ein – es sei denn, wenn es die sportliche Leistung beeinträchtigen würde. Aber das habe ich noch nicht erlebt. Aber wir legen als 11friends, das verrät natürlich auch unser Name, viel Wert auf ein gutes, freundschaftliches Verhältnis zu unseren Spielerinnen. Das ist uns sehr wichtig.

Style PASS online: Fußballerinnen gehen parallel zum Spielen meist noch arbeiten oder studieren/machen eine Ausbildung. Wie stehen Sie zu dieser Doppelbelastung im deutschen Frauenfußball? Oder ist es viel mehr clever von den Frauen, sich mehrgleisig aufzustellen?

In jedem Fall ist ein ordentlicher Schulabschluss notwendig, um für später alle Möglichkeiten zu haben. Derzeit macht es auch durchaus Sinn, danach noch weiter an einer beruflichen Perspektive zu pfeilen, zu studieren oder eine Ausbildung zu machen. Aber ich prognostiziere, dass es bald viele Vereine geben wird, die von den Spielerinnen ein Vollprofitum erwarten. Da würde dann nur noch ein Fernstudium bleiben.

Vielen Dank für das Gespräch!

 

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Nebelung mit der Spielerin Sarah Puntigam in Montpellier

„Gleichwertiger Bestandteil des Profifußballs“

Die Fanorganisation „Unsere Kurve“ macht aktuell mit einem Positionspapier Wind. In diesem haben über 50 Fans aus bundesweiten Fanorganisationen an vier Themenbereichen gearbeitet. Der Name? "Zukunft Profifußball". Das erste Arbeitspapier ist seit diese Woche veröffentlicht. Style PASS online sprach mit der Vorsitzenden Helen Breit über die Arbeitsergebnisse.

 

Foto: Arne Amberg

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