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Style PASS spricht mit TERRE DES FEMMES zur Situation in der Ukraine

Flucht, Angst und sexuelle Übergriffe

Die aktuelle Situation in der Ukraine ist aus humanitärer Sicht eine Katastrophe. Dennoch gibt es viele, die mit kleinen und großen Taten versuchen, Solidarität zu zeigen. Die Menschen in der Ukraine bekommen unter anderem Unterstützung von der Frauenrechtsorganisation TERRE DES FEMMES – Style PASS konnte aus aktuellem Anlass mit Gesa Birkmann sprechen.

Style PASS: Wie ist die Situation in der Ukraine im Augenblick?

Birkmann: Dutzende ukrainische Städte und Dörfer wurden mit allen möglichen Waffen von Russland angegriffen, darunter Bomben und Granaten. Sie haben Kinderkrankenhäuser, Frauenhäuser, Kindergärten, Schulen und Heime getroffen. Unschuldige Menschen waren und sind immer noch in Kellern, U-Bahnen und Luftschutzbunkern versteckt. Andere waren und sind immer noch gezwungen, ihre stark zerstörten Häuser oder Städte zu verlassen, um ihr Leben zu retten und den Schrecken und Auswirkungen des Krieges zu entkommen.

Style PASS: Frauen und Kinder leiden am meisten?

Krieg hat überproportionale geschlechtsspezifische Auswirkungen auf die betroffene Bevölkerung. Frauen sind von Krieg und Vertreibung anders betroffen als Männer. Oft sind es diejenigen, die dann das Überleben ihrer Familien sichern (müssen). Gleichzeitig sind sie einem besonders hohen Risiko ausgesetzt, sexualisierte und andere Formen von Gewalt zu erleiden. Geschlechtsspezifische Gewalt addiert sich zu den anderen Formen der Kriegsgewalt zu einer weiteren Traumatisierung der betroffenen Frauen.

Style PASS: Die Situation für die, die an der Situation, völlig unschuldig sind, muss furchtbar sein?

Die Angst ist der ständige Begleiter für Menschen auf der Flucht - Angst vor Hunger und Krankheit, Angst vor dem Verlust von Angehörigen auf der Flucht und denen, die sie zurücklassen müssen, Angst vor einer ungewissen Zukunft. Für Frauen auf der Flucht kommt die Angst vor sexuellen Übergriffen immer dazu.

Style PASS: Was sind die konkreten Maßnahmen, die TERRE DES FEMMES momentan ergreift? Wie können Bürgerinnen und Bürger in Deutschland momentan helfen?

Wir haben einen offenen Brief an die Bundesregierung gerichtet, in dem wir speziell auf die Lage von geflüchteten Mädchen und Frauen aus der Ukraine aufmerksam machen und dazu aufrufen diese besonders zu schützen. Mit dem Arbeitersamariterbund erarbeiten wir gerade einen Flyer, der Hilfestellungen zum Schutz bei der Ankunft für geflüchtete Frauen aus der Ukraine aufzeigt.

Wir sind im engen Kontakt mit dem Frauenschutzhaus „City of Goodness“ in Czernowitz (Westukraine), für die wir einen Spendenaufruf gestartet haben, um ihre Arbeit zu unterstützen.

Seit Kriegsbeginn am 24. Februar 2022 hat City of Goodness Frauen mit Kindern und ältere Menschen aus dem ganzen Land in ihrem Frauenhaus in Czernowitz aufgenommen. Darüber hinaus unterstützen sie medizinische Einrichtungen und medizinische Versorgung von Frauen, die innerhalb der Ukraine flüchten.

Alle BürgerInnen können dieses Frauenschutzhaus mit einer Spende unterstützen: https://www.frauenrechte.de/unsere-arbeit/themen/internationale-zusammenarbeit/aktuelles/5046-spendenaufruf-fuer-frauen-in-der-ukraine

https://www.frauenrechte.de/spenden/spendenmoeglichkeiten/online-spenden?fb_item_id_fix=46717

Sie können darüber hinaus geflüchtete Frauen und Kinder aufnehmen und innerhalb der Versorgungskette unterstützen. Sachspenden können getätigt werden. Wichtig dabei ist, dass sie private Unterbringungen offiziell registrieren lassen und ehrenamtliche Unterstützung bei anerkannten Hilfsorganisationen oder für Behörden umsetzen.

Wann immer man Menschen beobachtet, die sich merkwürdig oder auffällig verhalten, sollte man diese bei der Polizei melden.

Style PASS: Auch Deutschland trifft der Flüchtlingszustrom aus der Ukraine. Ist Deutschland darauf ausreichend vorbereitet?

Deutschland ist nicht gut genug auf diesen Flüchtlingszustrom vorbereitet. Die Unterkünfte sind nur teilweise auf Mädchen und Frauen ausgerichtet, übersehen jedoch viele Bedürfnisse von Mädchen und Frauen. Besonders für Mädchen und Frauen ist es in Unterkünften schwierig, wenn zum Beispiel der Frauentrakt zu weit weg vom Haupthaus oder direkt neben dem Trakt für allein reisende Männer liegt, um in Notfällen schnell Hilfe zu holen. Es fehlt immer noch in einigen Unterkünften an Gewaltschutzkonzepten, Fehlen von Frauenbeauftragten oder Fortbildungen für Sicherheitskräften. Noch gibt es keinen Krisenstab, der die notwendigen Schutz- und Aufnahmemaßen zwischen Bund, Ländern und Kommunen koordiniert. Wir brauchen sichere Unterkünfte für Frauen und Kinder, ärtzliche Versorgung (auch Covidimpfungen), therapeutische Maßnahmen, um das Kriegstraumata zu bewältigen, sowie einheitliche Umsetzung von Gewaltschutzkonzepten.

Style PASS: Hat TERRE DES FEMMES als international vernetzte und sich politisch positionierende Frauenrechtsorganisation das Verhalten Putins überrascht?

Wir wurden von diesem Krieg überrascht und verurteilen den völkerrechtswidrigen Angriff auf die Ukraine auf’s Schärfste. Die humanitäre Katastrophe trifft insbesondere Frauen und Kinder. Wir begrüßen die Solidarität und Hilfsgemeinschaft von ganz Europa und bewundern alle Russen, die gegen den Krieg in der Ukraine demonstrieren und damit Polizeigewalt und Gefängnisstrafen riskieren.

Style PASS: In manchen Medien wird berichtet: An den Bahnhöfen in Warschau und Berlin sollen Zuhälter stehen und Frauen Versprechungen machen (gutes Leben, Wohnung), während sie in Wirklichkeit in Bordelle verschleppt werden. Wie schätzt TERRE DES FEMMES dies ein?

Die Gefahr ist da. Das Risiko von MenschenhändlerInnen, ZuhälterInnen unter falschen Bedingungen angelockt, um dann in die Prostitution gezwungen zu werden, ist leider hoch.

Schon jetzt steigt die Anzahl von ukrainischen Prostituierten in Europa, ebenso wie ihr Handel und ihre Ausbeutung. Schlagworte wie „Ukraine“ und „ukrainische Mädchen“ sind bereits auf Pornografie-Websites im Trend, und wir sehen Käufer von Frauen in der Prostitution, die den Krieg in der Ukraine feiern, weil er mehr Frauen und Mädchen in dieses gewalttätige System treiben wird.

Die legale gesellschaftlich anerkannte Infrastruktur für Prostitution in Deutschland begünstigt und vereinfacht den Menschenhandel und die Zwangsprostitution, weswegen TERRE DES FEMMES ein Sexkaufverbot und die Einführung des Nordischen Modells (Entkriminalisierung der Prostituierten, Kriminalisierung der Sexkäufer und staatlich finanzierte Ausstiegsprogramme für Prostituierte) fordern.

Style PASS: Ihre Wünsche an die (deutsche) Politik in Bezug auf die Ukraine?

Spätestens bei ihrer Ankunft in Deutschland braucht es für Frauen und Kinder Sicherheit durch flächendeckende, langfristige, barrierefreie Schutzräume, wo Ihre (Gesundheits- und Erst-)Versorgung gewährleistet wird. Private Hilfsangebote für die Unterbringung oder auch Mitfahrgelegenheiten müssen polizeilich registriert und überprüft werden.

https://www.frauenrechte.de/images/downloads/offene-briefe/20220316_TDF_Offener_Brief_gefl_e_Kinder_und_Frauen_Ukraine44.pdf

In einem offenen Brief an die Bundesregierung haben wir Schutzmaßnahmen für geflüchtete Frauen und Kinder aus der Ukraine bei Ihrer Ankunft in Deutschland gefordert. Die Ankunftsinfrastruktur muss besser auf Frauen und Kinder angepasst werden. Dazu gehört zum Beispiel, dass die Geflüchteten sowie die HelferInnen über mögliche Gefahren und ihre Rechte informiert werden und Betreuung sowie Unterstützung durch Fachpersonal erhalten, besonders in Fällen von sexualisierter Gewalt. Ein konsequentes Nachgehen der Polizei bei Verdacht von Frauenhandel und Ausbeutung von Geflüchteten sowie Platzverweise z.B. am Hauptbahnhof bei auffälligem Verhalten sind unabdingbar.

Ebenso fordern wir die Gewährleistung der Gesundheitsversorgung und die Betreuung, Unterstützung sowie Gewaltprävention bei der Unterbringung ukrainischer Mädchen und Frauen in Deutschland. An die russische Regierung appellieren wir den Krieg umgehend zu stoppen und diese brutale völkerrechtswidrige menschenfeindliche Gewalt zu beenden. Sofort!

Interview: Style PASS Herausgeberin Eva Britsch

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