Sports & Politics

"Ausbeutung sind Tür und Tor geöffnet"

Das Thema Menschenrechte in Katar steht schon länger im Fokus: Tote auf Großbaustellen, gesetzlich-strukturelle Diskriminierung von Homosexuellen. Die Problematik in Katar greift zurück auf ein jahrhundertealtes Vormundschaftssystem, die Kafala, und wird durch die Dynamiken der Globalisierung noch befeuert. Style PASS sprach mit der Katar-Expertin Katja Müller-Fahlbusch von Amnesty International über die aktuelle Situation im Staat der Ölmilliardäre.

Style PASS: Was sagt AI zur Austragung der WM in Katar?

Müller-Fahlbusch: Es steht natürlich jedem Land frei, sich für eine Austragung von großen Sportveranstaltungen zu bewerben. Die Lage der Menschenrechte sollte allerdings bei der Vergabe solcher Events eine größere Rolle spielen. Nachdem die Vergabe erfolgt ist, gilt es aus unserer Sicht nun, die internationale Aufmerksamkeit zu nutzen, um echte Verbesserungen für die Menschen vor Ort zu erreichen – und zwar über das Jahr 2022 hinaus.

Style PASS: Manch' einer argumentiert, die Austragung eines sportlichen Großereignisses könnte Verbesserungen für das Gastgeberland bringen. Wie schätzt AI die Chancen auf die Beseitigung bzw. Verbesserung menschenrechtlicher Defizite in Katar durch die WM ein?

Zunächst einmal ist festzuhalten, dass von der WM Vergabe 2010 bis zum Jahr 2017 keine menschenrechtlichen Verbesserungen erreicht werden konnten – trotz der schon damals heftigen und öffentlichen Kritik. Seit 2017 hat die katarische Regierung jedoch eine Reihe von Reformschritten unternommen, die die Arbeits- und Lebensbedingungen der Arbeiterinnen und Arbeiter in den WM Stadien teilweise sehr deutlich verbessert haben. Diese Menschen machen jedoch nur zwei Prozent der gesamten ausländischen Arbeiterinnen und Arbeiter aus – für die anderen 98 Prozent sind die Bedingungen weiterhin oft prekär bis katastrophal.

Style PASS: Auf der einen Seite hat Katar durchaus „sozialstaatliche“ Errungenschaften seinen Bürgerinnen und Bürgern zu bieten, wie eine Krankenversicherung/allgemeine Gesundheitsversorgung, anderseits gilt in Teilen noch das sogenannte Kafala-System. Können Sie die gesellschaftspolitische Struktur Katars etwas beschreiben? Wie kann man sich das konkret vorstellen?

Das Kafala-System ist eine Art Vormundschaftssystem, das es auch in anderen Golfländern gibt und das ausschließlich für ausländische Arbeitskräfte, nicht für Bürgerinnen und Bürger des jeweiligen Golfstaates gilt. Obwohl die katarische Regierung das Kafala-System reformiert hat – so benötigen ausländische Arbeitskräfte heute zumeist nicht mehr die Genehmigung ihres Arbeitgebers, um das Land verlassen oder den Arbeitsplatz wechseln zu dürfen – zementiert dieses System weiterhin eine massive Abhängigkeit der Arbeitsmigrantinnen und Arbeitsmigranten. Diese wiederum öffnet Ausbeutung und Missbrauch Tür und Tor.

Darüber hinaus haben ausländische Arbeitskräfte – anders als katarische – nicht das Recht sich in Gewerkschaften zu organisieren und trotz einiger Reformen ist der Zugang zur Justiz für Migrantinnen und Migranten deutlich schwieriger als für katarische Staatsbürgerinnen und Staatsbürger. Mit Blick auf grundlegende Rechte ist es also durchaus angebracht, von einem Zwei-Klassen-System zu sprechen.

Style PASS: Was sind die gravierendsten Missstände in Katar aus Sicht von AI?

Weiterhin sind Arbeitsmigrantinnen und Arbeitsmigranten massiv abhängig von ihren Arbeitgebern. Insbesondere Hausangestellte, von denen der Großteil weiblich ist, sind Ausbeutung, Missbrauch und regelmäßig körperlicher Gewalt ausgesetzt. In der Praxis erhalten viele Arbeiterinnen und Arbeiter trotz einer Reihe von Gesetzesreformen wochen- oder monatelang kein Gehalt und sind nicht frei in der Wahl ihres Arbeitgebers oder in der Entscheidung, das Land zu verlassen. Die Tatsache, dass sie sich nicht in Gewerkschaften organisieren dürfen, bedeutet, dass sie oft hilf- und schutzlos missbräuchlichen Arbeitgebern ausgeliefert sind.

Style PASS: Wie ist die Situation für Frauen in Katar?

Frauen werden durch Gesetze und im täglichen Leben weiterhin diskriminiert. Das Familienrecht benachteiligt sie unter anderem dadurch, dass es für Frauen viel schwieriger ist, eine Scheidung einzureichen, als für Männer. Wenn eine Frau sich scheiden lässt oder von ihrem Mann verlassen wurde, ist dies mit erheblichen wirtschaftlichen Nachteilen verbunden.

Das System der männlichen Vormundschaft, das vorschreibt, dass Frauen unter 25 Jahren für Alltagsgeschäfte wie einen Vertragsabschluss oder eine Auslandsreise die Erlaubnis ihres männlichen Vormunds benötigen, führt zu erheblichen Einschränkungen. Die UN-Arbeitsgruppe für willkürliche Inhaftierungen sah 2020 sogar „de facto den Tatbestand der Freiheitsberaubung durch ihre Familien erfüllt“.

Style PASS: Was können Bürgerinnen und Bürger oder auch Fußball-Fans tun, wenn sie etwas für die Menschenrechte in Katar tun wollen?

Wir begrüßen es sehr, dass unter Fans die Aufmerksamkeit für Menschenrechte in Katar zugenommen hat. Allein die Tatsache, dass sich Fans und Fanvereinigungen regelmäßig kritisch zur Menschenrechtslage in Katar äußern und von den nationalen Fußballverbänden und der FIFA einen verbindlichen Einsatz für Menschenrechte fordern, hilft, Druck für Veränderung aufzubauen. Dieser Druck muss bis zur WM und darüber hinaus aufrecht erhalten werden.

Style PASS: Mehr Wortmeldungen der (deutschen) Fußball-Nationalspieler wären wünschenswert?

Einzelne Nationalmannschaften und Fußballverbände haben sich in den vergangenen Jahren sicht- und hörbar für Menschenrechte in Katar eingesetzt. Vorreiter sind hier sicher die nordischen Verbände, die gemeinsam einen stärkeren Einsatz für die Menschenechte gefordert haben. Auch die „T-Shirt Proteste“ der norwegischen, deutschen oder niederländischen Mannschaft sind begrüßenswerte Initiativen. Wenn prominente Fußball-Nationalspielerinnen und N-Nationalspieler sich für die Wahrung der Menschenrechte einsetzen und ihre Popularität dazu nutzen, auf Verbesserungen hinzuwirken begrüßen wir als Amnesty International dies sehr.

 

Meilenstein im Frauenfußball

Für die Liebhaber*innen des Frauenfußballs beginnt ein neues TV-Zeitalter. Der Deutsche Fußball-Bund und das Bezahlfernsehen Magenta Sport haben einen Vertrag geschlossen, demzufolge in der kommenden Spielzeit erstmals alle Spiele der ersten Frauen-Fußball-Liga live zu sehen sein werden.

Weiterlesen