Sports, Motivation & Psychologie

Welche Rolle spielen Emotionen im Fußball?

Fußballspiele gleichen oft einem Hexenkessel der Emotionen. Doch was sagt der Begriff Emotion eigentlich aus? Das Wort stammt aus dem Lateinischen, von ex: „heraus“ und motio: „Bewegung“ oder „Erregung“, wörtlich übersetzt auch „Energie in Bewegung“. Wie lassen sich Emotionen im Sport und insbesondere im Fußball verstehen – und einsetzen, um Gruppenerfolge zu erzielen? Franzi Lautenbach, Expertin der Sportpsychologie und Doktorandin am Psychologischen Institut der Sporthochschule Köln, im Gespräch mit der Journalsitin Mirjam Bauer.

Style PASS: Wie definieren Sie den Begriff Emotion?

Franzi Lautenbach: Emotionen entstehen durch die Wahrnehmung und die Bewertung einer Situation. Es kommt zu einem persönlichen Gefühlserlebnis, an das sich eine Verhaltensveränderung anschließt. Sehen wir einen guten Freund, so empfinden wir Glück, stehen wir vor einem Wettkampf, dann empfinden wir vielleicht Angst oder Freude. Es gibt „Basisemotionen“ wie Angst, Freude, Wut, Überraschung, Hoffnung, Stolz oder Trauer. Alle hängen mit körperlichen und seelischen Reaktionen zusammen und zeigen einen Zustand an: Wir sind ruhig oder angespannt und fühlen uns angenehm oder unangenehm.

Es gibt verschiedene Theorien zur Entstehung von Emotionen. Eine geht beispielsweise davon aus, dass auf körperliche Reaktionen seelische folgen, eine andere besagt, dass stressauslösende Reize körperliche Reaktionen auslösen. Zum besseren Verständnis kann man sich zwei Waagschalen vorstellen: Auf der einen Seite befindet sich ein „Stressor“, im Fußball beispielsweise der Elfmeterschuss. Auf der anderen Seite stehen die „Bewältigungsressourcen“ – also die geistige Einschätzung: „Welche Fähig- und Fertigkeiten besitze ich, um den Schuss in ein Tor umzuwandeln?“. Ist der Schuss sehr wichtig und hat der Schütze das Gefühl, dass seine Ressourcen nicht ausreichen, empfindet er Angst – die Medien schreiben in diesem Zusammenhang häufig von Stress oder Druck. Ein anderer Spieler empfindet in dieser Situation vor allem eine Art Herausforderung, den Elfmeter zu verwandeln: Er hat bisher immer das Tor getroffen, er weiß, dass er die Technik gut beherrscht – und der Torwart springt häufig in die linke Ecke. Hier zeigt sich: Menschen in identischen Situationen haben nicht unbedingt die gleichen Emotionen.

Style PASS: Kann man Emotionen messen?

Lautenbach: Auf Grund unterschiedlicher seelischer und körperlicher Reaktion misst man Emotionen am besten immer auf mehreren Ebenen: zum einen auf der subjektiven – dabei beantworten die Fußballer meistens Fragebogen und schätzen sich selbst ein, zum anderen auf der objektiven Ebene – hier werden körperliche Reaktionen wie Stresshormone und Herzfrequenz gemessen. Die letzte Variante kann der Spieler nicht beeinflussen, bei der ersten lässt sich jedoch schummeln.

Die Wettkampfangst lässt sich mit Hilfe eines bekannten Fragebogens gut messen. Dieser beschreibt drei Varianten der Angst: Es gibt die somatische Angst, die sich durch Wahrnehmung körperlich spürbarer Anzeichen wie Herzklopfen, feuchte Hände oder ein flaues Gefühl im Magen auszeichnet. Die Besorgnis hingegen misst die Wahrnehmung von Selbstzweifeln, Sorgen und negativen Erwartungen. Die Zuversicht beschreibt, wie gut vorbereitet ein Fußballspieler ins Spiel geht und dieses als Herausforderung annimmt.

Style PASS: Welche Rolle spielen Emotionen im Sport?

Lautenbach: Emotionen spielen, wie überall im Leben, eine entscheidende Rolle. Wenn ich keine Freude am Sport hätte, würde ich kaum Sport treiben. Kinder machen zunächst Sport, weil sie Freude daran haben. Später werden der Wettkampfgedanke und der Druck größer, was dann zu Wettkampfangst führen kann. Meine Mama hat immer gesagt: „Sport soll Freude machen, aber Erfolg macht natürlich mehr Freude“. Im Sport erleben wir neben Emotionen der Freude häufig auch Wut und Angst, manchmal sogar Trauer oder Scham – sowohl bei Spielern als auch bei Zuschauern – wenn wir uns beispielsweise an den verschossenen Elfmeter von Bastian Schweinsteiger beim Champions-League-Finale gegen Chelsea 2012 erinnern.

Style PASS: Wie beeinflussen Emotionen die Leistung des Teams?

Lautenbach: Manche Spieler wirken vor einem Spiel ruhig, andere hingegen nervös. Keiner weiß, wie es innerhalb einer Person aussieht. Es gibt leider keine allgemeingültigen Aussagen, weil jeder anders auf stressige Situationen reagiert. Für eine Fußballmannschaft gilt: Der Trainer darf nicht alle Spieler über einen Kamm scheren – und die Teammitglieder dürfen nicht von sich auf andere schließen, wenn sie an die Emotionen vor oder während des Spiels denken. Respekt ist hier eine wichtige Grundvoraussetzung. Ist es allerdings so, dass die Spieler Nervosität oder Unruhe bei sich selbst feststellen und leistungsmindernd einschätzen – oder ändern sich die Emotionen während des Spiels und deshalb lässt die Leistung nach – kann unter anderem mit Hilfe von „Sportpsycholgischen Experten“ daran gearbeitet werden, Emotionen leistungsfördernd zu regulieren. In einer Mannschaft sind hierfür auch Gruppenprozesse entscheidend, denn nicht jeder lässt sich von seinen Mitspielern etwas sagen. Unterm Strich zählt, dass der Einzelne optimal angespannt sein sollte, damit die optimale Leistung abgerufen werden kann. Ich denke, hier findet auf Dauer eine Anpassung innerhalb des Teams statt – denn Emotionen sind ansteckend.

Style PASS: Gibt es Unterschiede in der Wirkung, etwa vor oder nach einem Spiel?

Lautenbach: Grob würde ich sagen, dass Emotionen vor dem Spiel entscheidender für die sportliche Leistung sind als danach. Nach dem Spiel hingegen sind sie im Spitzensport dann relevant, wenn der Sportler der Presse gegenübertritt. Ferner ist es immer wieder nötig, sich auf den bestmöglichen Zustand für das nächste Spiel einzustellen. Nach einem Sieg fällt das möglicherweise leichter – nach einer Niederlage sollte ein Fußballer das Spiel abhaken und vielleicht einfach zugeben, wenn die andere Mannschaft besser war. Durch Fehleranalysen und inhaltliches Aufarbeiten des Spieles finden Trainer und Spieler heraus, woran es gelegen haben könnte, dass man verloren hat – und verarbeiten so eventuelle negative Emotionen schneller durch eine klare Aufgabensetzung für das kommende Spiel.

Style PASS: Wie reguliert man Emotionen – welche Strategien zur Steuerung oder Integration lassen sich nutzen?

Lautenbach: Emotionen lassen sich gut regulieren. Diese Chance sollten alle nutzen, die daran arbeiten wollen, beispielsweise wenn sie nervös sind oder sich in den ersten zehn Minuten eines Spieles noch nicht richtig „wach“ fühlen. Es gibt körperliche oder mentale Techniken, sie können langfristig oder kurzfristig ausgerichtet sein. Ein Beispiel einer primär mentalen Technik ist die Selbstgesprächregulation. Es handelt sich dabei um Formeln: Ich fordere mich laut oder leise zu einer Handlung auf. Dabei sage ich, woran ich wie denke und auf was ich mich konzentriere – aber nicht anders herum. Ich kann mir auch vorsprechen, dass ich ruhig atmen soll, beispielsweise zur kurzfristigen Entspannung, um meine Angst vor dem Spiel herabzusetzen. Dann sollte ich diesen Handlungsanweisungen natürlich auch nachkommen. Im letzten Fall wird neben dem mentalen auch der körperliche Ansatz dieser Technik deutlich.

Häufig helfen auch Routinen vor und während des Spiels – auch für die gesamte Mannschaft. Routinen setzen sich aus Denkvorgängen und Verhalten zusammen, finden unter anderem kurz vor der sportlichen Aufgabe statt und bereiten optimal auf diese Aufgabe vor. Eingeübte Routinen kann man beispielsweise gut unter Druck und in „Standardsituationen“ wie dem Elfmeter verwenden.

Weitere Techniken sind die Visualisierung oder das mentale Training zur Vorstellung von Bewegungen. Ein Beispiel für Visualisierung verdeutlich ein früherer Werbespot mit Manuel Neuer anschaulich: Der Nationaltorwart steht auf einem Stuhl steht, hält ein Glas Nutella in der Hand und beim Hinsehen wird das Glas zum Pokal.

Style PASS: Wie lassen sich Emotionen im Sinne des Gruppenerfolges regulieren oder integrieren?

Die meisten im Team wünschen Konzentration auf sich selbst und freuen sich über positive Verstärkung – die „Valenz“, das bedeutet die Wertigkeit der Emotion zum Positiven. Dem Einzelnen in der Gruppe muss allerdings genug Raum gegeben werden. Will der Trainer von außen einwirken, erhöht er am besten die Bewältigungsressourcen, beispielsweise durch gesteigerte Kontrolle über den Gegner mit Hilfe von Videoaufnahmen. Daraus leitet er klare Anweisungen ab, was die Spieler in bestimmten Fällen tun sollen, beispielsweise Manndeckung, Spielaufbau über die Flügel, „Zumachen“ der Verteidigungslinie usw.

Style PASS: Welche persönlichen Vorschläge haben Sie zur Verbindung der Emotionen mit Erfolg?

Wir wissen aus der Forschung, dass die Bewertung einer stressigen Situation als Herausforderung zu einer besseren Leistung führt. Wir wissen auch, dass bessere Leistungen häufiger zum Erfolg führen. Ich persönlich interessiere mich im Kontext von Sport für Emotionen, da diese in meinen Augen neben sportlicher Höchstleistung der Grund dafür sind, Sport zu machen oder auch zu schauen: Freude, Trauer, Wut, Angst, Stolz, Hoffnung.

Die Fragen stellte Mirjam Bauer

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Die Macher und Machrinnen dieser Welt, faszinieren sie uns doch alle. Frank Wilmes hat als erfolgreicher Journalist viele von ihnen kennenglernt: Gründer, Unternehmer, Manager, Fußball-Präsidenten, Bundeskanzler und ausländische Staatschefs wie Nelson Mandela oder Eduard Schewardnadse. Im Gespräch mit Style PASS online gibt er Einblicke in sein Buch „Mach` doch, was du willst: Und schau mal, was Trau-Dich-Typen dazu sagen“.

 

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