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Weg mit der rosa Brille
Mit ihrem Buch "Bin in der Lebensmitte. Komme klar." räumt Tanja Mairhofer-Obele mit Klischees zum Thema Frau-Sein in der Lebensmitte auf und gibt pragmatische Tipps, wie man seinen Lifestyle selbstbestimmter lebt.
Style PASS sprach mit der sympathischen Autorin über ihr Buch!
Style PASS: Woher kommt das schlechte Selbstbewusstsein vieler Frauen, glauben Sie?
Mairhofer-Obele: Viele Frauen werden in der Lebensmitte deutlich selbstbewusster. Und zwar nicht nur gefühlt, man weiß inzwischen auch aus Studien, dass Menschen mit zunehmendem Alter meist selbstsicherer werden.
Wir wurden früher eher dafür gelobt, brav, freundlich, hilfsbereit und unkompliziert zu sein, nicht unbedingt dafür, klar zu sagen: „Das passt mir nicht.“
In der Lebensmitte hört man stärker auf sich. Vielleicht auch, weil dieser berühmte „Hormonschleier“ ein Stück weit verschwindet, also der Wunsch, es allen recht zu machen. Die rosa Brille fällt ab. Dadurch treten viele Frauen bestimmter auf und ehrlicher auf. Und ich finde: Das steht uns sehr gut.
Style PASS: „Männer haben im Schnitt weniger Probleme, ihre Bedürfnisse durchzusetzen?“
Ja, leider. Männer haben im Schnitt oft weniger Probleme damit, ihre Bedürfnisse durchzusetzen. Nicht, weil sie automatisch mutiger oder klarer wären, sondern weil ihr Verhalten gesellschaftlich anders bewertet wird.
Dazu gibt es ziemlich verheerende Studien. Eine bekannte Untersuchung von Victoria Brescoll und Eric Uhlmann zeigte zum Beispiel: Wenn Männer im beruflichen Kontext Wut zeigen, wird das eher mit Kompetenz, Status und Führungsstärke verbunden. Wenn Frauen dasselbe tun, werden sie schneller als schwierig, emotional oder unprofessionell abgewertet.
Das heißt: Frauen haben nicht nur gelernt, leiser zu sein. Sie wurden oft auch dafür bestraft, wenn sie laut waren beziehungsweise werden es immer noch. Und genau deshalb müssen wir es vielleicht umso öfter üben: den Mund aufmachen, klar sein, unbequem sein, nicht jedes Gefühl sofort weichspülen. Irgendwann muss es ja doch mal jemand checken. Jungs, das kann doch nicht so schwer sein und Mädels traut euch!
Style PASS: „Sie mixen Unterhaltsmomente in Ihrem Buch mit Sachbuch-Stilelementen. Woher kam die Idee zu Ihrem Buch?“
Die Idee kam eigentlich aus meinem eigenen Leben. Ich habe vor etwa zehn Jahren schon einmal ein Buch geschrieben, „Schluss mit Muss“. Da ging es viel um Elternschaft, Überforderung und dieses Gefühl um die 40: Alle wollen etwas von einem.
In der Lebensmitte kamen dann noch ein paar neue Themen dazu. Der Körper verändert sich, die Hormone machen ihr eigenes Ding, Beziehungen verändern sich, die Kinder werden größer, die Eltern älter und gleichzeitig hat sich auch gesellschaftlich viel getan. Mein erstes Buch war noch vor #MeToo. Heute sprechen wir anders über Rollenbilder, Wut, Grenzen und weibliche Selbstbestimmung.
Wenn mich etwas sehr beschäftigt oder überfordert, hole ich Humor dazu. Nicht, um die Dinge kleinzureden. Sondern um besser mit ihnen klarzukommen. Ich schreibe auch über harte Themen, aber ich suche immer diesen kleinen komischen Moment darin. Weil das Leben ja trotzdem weitergeht.
Und die Lebensmitte ist eben nicht immer nur einfach. Es gibt ja diese berühmte Zufriedenheitskurve, die in der Lebensmitte nach unten geht. Aber die gute Nachricht ist: Sie geht auch wieder nach oben. Also darf man diese Phase ruhig mit Humor sehen. Es bleibt ja nicht so.
Style PASS: Persönliche Erfahrungen fließen mit ein?
Ja, absolut. Ich habe in all meinen Büchern immer ein bisschen die Hosen runtergelassen. Weil ich weiß: Das, was ich erlebe, erleben sehr viele andere Frauen auch.
Wenn ich diese Verbindung herstelle, fühlen sich andere vielleicht weniger allein. Genau das ist das Schöne am Schreiben.
Witzigerweise waren die ersten Texte aus meinem ersten Buch als Tagebuch-Einträge gedacht, die ich eine Redakteurin gezeigt habe und die gesagt hat, dass es lustig daraus machen wie ein Buch. Daher viele Gedanken, Überforderungen, komische Momente und auch schmerzhafte Erkenntnisse kommen aus meinem eigenen Erleben. Ich schreibe am ehrlichsten, wenn ich nicht so tue, als hätte ich alles im Griff. Das wäre ja auch gelogen und außerdem literarisch ziemlich langweilig.
Style PASS: Was wollen Sie grob gesagt mit Ihrem Buch vermitteln?
Ich hatte das Gefühl, es gibt noch zu wenige Bücher für die jungen Menschen in der Lebensmitte gibt. Viele Bücher zu diesem Thema richten sich eher an ältere Menschen, dabei beginnt die Lebensmitte ja nicht erst mit 70, sondern oft schon um die 40.
Und genau da wollte ich ansetzen. Bei Frauen, die mitten im Leben stehen, viel erlebt haben, viel leisten, aber innerlich vielleicht immer noch denken: Moment mal, ich bin doch gar nicht so alt, wie diese Zahl klingt.
Ich wollte ein Buch schreiben, das diese Phase ernst nimmt, aber sie nicht schwerer macht, als sie ohnehin manchmal ist. Also ein Buch mit Humor, indem man über all das sprechen darf – Wechseljahre, Wut, Erschöpfung, Selbstfürsorge, Körper, Beziehungen und trotzdem dabei lachen kann.
Ich habe selbst oft das Gefühl, dass ich im Kopf deutlich jünger bin, als meine Geburtsurkunde behauptet. Und deshalb dachte ich: Es ist Zeit für ein cooles, ehrliches und lustiges Buch über die Lebensmitte.
Style PASS: „Die Frau in ihrer Lebensmitte, was unterscheidet sie von einer 20-Jährigen?“
Ich glaube, vor allem die Erkenntnis, dass man nicht permanent gefallen muss. Mit 20 definieren sich viele noch stark darüber, wie sie wirken, ob sie dazugehören, ob sie gemocht werden. In der Lebensmitte lernt man, man selbst zu sein. Bin da noch immer nicht frei vom außen, aber man wird definitiv cooler.
Man kennt sich besser. Auch die eigenen Schwächen. Und man verschwendet deutlich weniger Energie damit, perfekt wirken zu wollen. Dafür wird man oft ehrlicher, direkter und manchmal auch etwas kompromissloser, was ich persönlich sehr angenehm finde.
Außerdem verändert sich der Blick aufs Leben. Mit 20 denkt man oft: Ich habe unendlich Zeit. In der Lebensmitte merkt man plötzlich: Okay, hinten raus wird die Zeit kürzer.
Die größte Erkenntnis ist aber wohl, dass die Welt nicht untergeht, wenn man Probleme oder Hindernisse hat. In der Lebensmitte hat man bereits so viel bewältigt und aus dem Weg räumen müssen, dass man irgendwann versteht: Es gibt immer ein Leben danach. Nach jedem Schmerz, nach jeder Krise, nach jedem Ereignis.
Und ich finde ehrlich gesagt: Viele Frauen werden erst in der Lebensmitte richtig interessant.
Style PASS: Sie setzen sich auch mit Emotionen und emotionaler Steuerung auseinander. Ganz spannend fand Style PASS ihre Erläuterungen zum Thema Wut. Ein kleiner Einblick dazu?
Ich glaube ehrlich gesagt, viele Frauen wären deutlich weniger erschöpft, wenn sie früher wütend geworden wären.
Wie man mittlerweile auch aus der Hirnforschung weiß, aktiviert Wut die Regionen im Gehirn, die für Motivation und Handlungsfähigkeit zuständig sind. Wut hat nur ein wahnsinnig schlechtes Image. Natürlich kann Wut destruktiv sein, verletzend oder im falschen Moment auch zerstörerisch wirken. Aber grundsätzlich ist sie erst einmal einfach ein menschliches Gefühl.
Eine wütende Frau gilt schnell als schwierig oder unangenehm, während man Männern dieselbe Emotion oft eher als Durchsetzungsfähigkeit auslegt.
Deshalb habe ich in meinem Buch einen Liebesbrief an die weise weibliche Wut geschrieben. Weil sie uns oft zeigt, wo unsere Grenzen liegen und wo etwas nicht stimmt. Wut kann Dinge in Bewegung bringen. Sie kann ein Motor für Veränderung sein.
Entscheidend ist natürlich, wie wir mit ihr umgehen. Das müssen Männer und Frauen gleichermaßen lernen. Aber ich finde, wir sollten aufhören, Wut grundsätzlich als schlechtes oder peinliches Gefühl darzustellen. Oft steckt darin nämlich sehr viel Kraft.
Style PASS: Eigentlich müsste man ja denken, die moderne Frau in der modernen Gesellschaft braucht nach Alice Schwarzer und der Emanzipation keine Ratgeber-Bücher mehr?
Wenn man sich den Gender Pay Gap anschaut, die Verteilung von Care-Arbeit oder Gewaltstatistiken gegen Frauen, dann sieht man sehr schnell: Von echter Gleichberechtigung sind wir noch weit entfernt. Vielleicht fühlt es sich für manche individuell schon so an, aber gesellschaftlich stimmt das einfach nicht.
Natürlich hat sich viel verbessert. Aber es gibt noch unglaublich viele Stellschrauben, an denen wir arbeiten müssen. Und manches erkennen wir überhaupt erst jetzt. Wenn ich daran denke, über welche dummen Witze ich früher gelacht habe oder welchen Sexismus ich in der Medienbranche einfach hingenommen habe, weil ich gar nicht wusste, dass das bereits Sexismus ist, dann merke ich, wie sehr sich das Bewusstsein verändert hat.
Und ich glaube, wir verstehen heute wahrscheinlich noch nicht alles. Es gibt bestimmt Dinge, die wir aktuell normal finden und erst in zehn oder zwanzig Jahren als Form von Unterdrückung oder Ungleichbehandlung erkennen werden.
Ich habe gerade durch feministische Debatten, aber ehrlich gesagt sogar schon bei vergleichsweise harmlosen Themen wie dem Tempolimit, extrem viel Hass erlebt. Und dieser Hass kam zu 99 Prozent von Männern. Nicht vereinzelt, sondern massiv und oft wirklich erschreckend brutal.
Das hat mir noch einmal sehr deutlich gezeigt, wo wir gesellschaftlich eigentlich stehen. Denn sobald Frauen laut werden, eine Haltung haben oder unbequem sind, reagieren manche Menschen immer noch mit Aggression, Abwertung oder Einschüchterung. Und ich finde, das darf man nicht ignorieren oder kleinreden.
Style PASS: Eine letzte Frage: (Frauen-)Fußball, interessiert Sie das?
Da mein Mann einige Jahre in der zweiten Bundesliga gespielt hat und mein Sohn auch ein leidenschaftlicher Fußballspieler ist, bin ich dabei. Vor allem liebe ich Frauenfußball inzwischen wirklich sehr und folge auch vielen Spielerinnen. Auf meiner Pinnwand hängt sogar eine Fußball-Karte von Chloe Kelly, die ich meinem Sohn stibitzt habe, weil ich ihre Energie einfach großartig finde. Sie ist für mich ein Beispiel für Frauen, die einfach ihr Ding gemacht haben und jetzt völlig verdient megaerfolgreich sind.
Und ich bin auch großer Fan der amerikanischen Spielerinnen, vor allem von Abby Wambach und Megan Rapinoe. Die haben sportlich wahnsinnig viel erreicht, aber eben auch gesellschaftlich unglaublich viel bewegt. Abby auch zuletzt im Podcast mit ihrer großartigen Frau Glennon Doyle, die sehr politisch auch sind.
Ich finde generell, dass im Frauenfußball gerade etwas total Kraftvolles passiert. Diese Frauen sind sichtbar, erfolgreich, laut, talentiert und inspirierend. Ich finde es schön zu sehen, wie selbstverständlich junge Mädchen heute darin Vorbilder finden können. Es hat sich also doch was getan. Weiter so!
Vielen Dank und weiterhin viel Erfolg mit ihrem Buch und viel Spaß beim Frauenfußball!
