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Mein Gott, Maradona!

Im argentinischen Lanus leben zwar 250.000 Menschen, dennoch ist Lanus nur ein Vorort der Metropole Buenos Aires. Das Stadtbild dieses Vororts wird von zahlreichen Slums geprägt, den Villa Miserias. Dort, in Villa Frorito, wuchs Diego Maradona auf.

So, wie es auch spätestens seit diesem Jahr noch mehr in den brasilianischen Favelas der Fall ist, gibt es für den kleinen Diego wenig anderes als Fußball, Fußball, Fußball. Ein Träumer war er dabei jedoch nicht, Diego Maradona sagt heute, dass er es schlicht und einfach wusste: er ist für das Fußballspielen geboren worden. Das nicht zu glauben fällt schwer. Diego Maradona ist der Fußballgott. In Argentinien sowieso und auch auf der ganzen Welt. Seine Tore sind legendär, besonders die beiden im Endspiel der Fußball WM 1986 gegen England, einmal kam da die „göttliche Hand“ zum Einsatz und dann ein göttlicher Dribbeleinsatz über das halbe Spielfeld mit dem entscheidenden Tor, das die Fifa zum Tor des Jahrhunderts ernannte. Der Clip eines Zusammenschnitt von Maradonas berühmtesten Toren hat über 4 Millionen Klicks auf Youtube. Und auch wenn man diese Fußballära gar nicht selbst erlebt hat, erzeugen diese verpixelten Aufnahmen vom 1,65 großen Wuschelkopf, der wild dribbelt, trickst, sich duckt und aus den frechsten Winkeln immer wieder trifft, Gänsehaut. In Buenos Aires gibt es seit dem Ende der Neunziger Jahre eine Maradona Kirche mit einem eigenen Diego Unser, einem maradonianischen Glaubensbekenntnis und zehn Geboten. 40.000 Anhänger hat die „Iglesia Maradoniana“ bereits.

In ihr kann man auch maradonianisch heiraten. Während der Hochzeitszeremonie muss das Paar gemeinsam seine Hände auf einen Fußball legen. Vom Parodiecharakter dieser religiösen Bewegung abgesehen, Maradonas Verehrung zeigt, dass hinter der Bezeichnung von Fußball als Religion ein ziemlich wahrer Kern steckt. Der Sport kann und muss herhalten. Als Trost- , Kraft- und Freudespender. Im Fall der Argentinier kommt noch das Zelebrieren eines Personenkults dazu. Auch die Präsidentengattin Eva Peron erlangte in den wirtschaftlich gebeutelten 1940er Jahren einen göttlichen Ruf. „Evita“ wurde durch ihre Volksnähe zu einer wichtigen Identifikationsfigur und Hoffnungsträgerin. Sie kümmerte sich nonnengleich um Arme und Kranke. Doch zeigt auch ihr Fall: legendär wird nur, wer auch Reibungsfläche bietet. Denn eine allzu glatte Oberfläche wäre ja langweilig.

Evita mischte sich politisch ein zu einer Zeit, in der das für Frauen eigentlich unmöglich war. Es gab wilde Spekulationen um ihr aufregendes Liebesleben. Auch Diego Maradona war politisch, denn sein Spiel war es. Er hat Kriege auf dem Fußballfeld ausgefochten, damit Argentiniens Ansehen verbessert und dem Land in allen Bereichen Selbstbewusstsein wiedergegeben.

Die Süditaliener führte er bei entscheidenden Kämpfen gegen den verhassten, reicheren Norden an. Er war ein Rockstar auf dem Fußballfeld, ein Revolutionär, der seine Weltverbesserungsmaßnahme im Fußball gefunden hat und auch mal eine Schlägerei auf dem Fußballfeld anzettelte. Mit solchen Aktionen aber auch mit den bewussten Entscheidungen für den Verein zu spielen, für den er auch wirklich spielen wollte, hat er seiner Karriere sicherlich auch geschadet. Die Durchsetzungskraft seines eigenen Willens und sein dadurch entstehender Idolcharakter machten ihn zu einem Gott, aber nicht zum Heiligen. Maradona vereint beides in sich, den fehlerhaften Menschen und den Funken Göttlichkeit, der zur Perfektionisierung eines Talents führen kann. Die Schattenseite, seine langjährige Drogenkarriere, zeigt ihn böse und verletzlich. Von seinen Vereinen gedopt, wurde er kokainabhängig und trieb auch diesen Exzess bis ins Äußerste. Ein unehelicher Sohn in Italien, Kontakte zur Camorra und immer wieder die Entzugsklinik. Doch man verzieh dem Stehaufmännchen alles. 2005 moderierte er seine eigene, sehr erfolgreiche Fernsehshow, 2008 bis 2010 war er Trainer der argentinischen Nationalmannschaft. Seine Tochter, die Schauspielerin Damla Maradona, schrieb ein Theaterstück „Hija de Dios“ (Die Tochter Gottes), das am 8. Juni 2012 im Teatro Sha mit ihr in der Hauptrolle uraufgeführt wurde.

Obwohl sich der mittlerweile Gealterte offensichtlich hat liften lassen, ist ein draufgängerische Zug immer noch offensichtlich, der Rockstar noch vorhanden.

Regelmäßig ledert Maradona über den Fußball ab, was das Zeug hält. Sieben ausgestreckte Finger - mit einer einzigen Geste verhöhnte er in einem Tweet die Niederlage der Brasilianer gegen Deutschland. Wer weiß, vielleicht hätte sich Maradona, wäre er bei der diesjährigen WM brasilianischer Nationalspieler gewesen, angesichts der Proteste der Brasilianer geweigert zu spielen und damit den Akteuren, den Spielern wieder an ihre verantwortungsvolle Position erinnert. Eine, in der sie selbst entscheiden können, wen sie mit ihrem Talent beeindrucken und was es für die Bevölkerung bedeutet, wenn die Spieler in einen Fußballkampf ziehen. Doch vielleicht ist die politische Zeit des Fußballs vorbei und eine Vergangenheit, die der in die Jahre gekommene Fußballgott nur noch symbolisiert? Im fünften Gebot der Iglesia Maradoniana jedenfalls heißt es: Verkünde das Wort "Diego Maradonas" auf der ganzen Welt.

 

Von Paula Franke

Rot war gestern

Gerne werden Menschen mit Bezeichnungen wie Ikone oder Kult etikettiert. Bei Daniel Cohn-Bendit schenken wir uns das, aber eines steht fest: Er ist eine relevante Figur der Zeitgeschichte. Einer solchen ist es angemessen, sein Leben Revue passieren zu lassen. Ein bewegtes Leben, das ihn wegen der Ungunst der Umstände – die Eltern flüchteten vor den Nazis aus Frankfurt nach Frankreich – zwischendurch als Staatenlosen zwischen Frankreich und Deutschland pendeln ließ. Und das Land seines Herzens hatte ihn zwischendurch rausgeschmissen, nachdem „Dany le Rouge“, der rote Daniel, die 68er Revolution in Paris angezettelt hatte.

Die von Style PASS bearbeiteten Bilder zeigen den Politiker Daniel Cohn Bendit in seiner Jugendzeit und nun aktuell.

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