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"Fußball kann auch missbraucht werden"

Steffi Jones - die 1972 in Frankfurt am Main geborene Fußballerin ist mit ihren Erfolgen, unter anderem in der deutschen Nationalmannschaft, eine Art Ikone. Nicht ganz ideal lief es für Jones, als sie Verantwortung als Trainerin übernahm - aber das ist Geschichte. Heute beschäftigt sich die smarte Jones mit ganz anderen Themen und Style PASS hatte die Gelegenheit, mit ihr zu sprechen. Und: Natürlich gings dennoch um Fußball!
 
Style PASS: Eine globale Pandemie, Teile der Welt werden von Diktatoren regiert, es gibt Diskussionen um die Ausrichtung der Fußball WM 2022 in Katar wegen Zwangsarbeitern. Welche Rolle spielt der Fußball da? Bzw. welche sollte er Ihrer Meinung nach einnehmen?
 
Jones: Fußball ist durch humanitäre Werte wie Zusammenhalt, Respekt oder Solidarität geprägt. Menschenrechte dürfen nicht egal sein. Ich finde es gut und wichtig, dass Teams oder einzelne Profis ihre Vorbildfunktion ernst nehmen und öffentlich Haltung zeigen. Auch und vor allem bei gesellschaftlichen Themen und Missständen.
 
Style PASS: 1991 starteten Sie in der deutschen Frauenfußball Bundesliga. War es schon als kleines Mädchen Ihr Traum, zu kicken, oder wie kam es eigentlich zu Ihrer Karriere am Ball?
 
Ich war früher viel mit Jungs unterwegs, schon im zarten Alter von vier Jahren. Die brauchten beim Kicken einen Torpfosten. Irgendwann rauschte der Ball direkt auf mich zu und ich schoß reflexartig zurück. Wer hätte gedacht, dass dies der Auftakt einer sehr schönen und prägenden Fußballkarriere war?
 
Style PASS: Der Frauenfußball hat gerade in (West-)Deutschland einiges nachzuholen: Bis in die 70er wurde der Frauenfußball qua DFB-Beschlusslage nicht unterstützt. Wie haben Sie Ihre Karriere als aktive Fußballerin erlebt?
 
Ich habe mir immer vor Augen gehalten, welche Erniedrigungen meine Vorgängerinnen ertragen mussten. Stellen Sie sich mal vor: Sie werden Europameisterin und bekommen als Dank ein Kaffeeservice spendiert! Das war noch 1989. Vorurteile und Klischees kenne ich leider auch. Die haben mich aber nie interessiert. Ich wollte es immer nur besser machen und die Weiterentwicklung des Frauenfußballs mitprägen. Auf und neben dem Platz.
 
Style PASS: Ihr schönster Moment als Fußballerin?
 
Mein erstes Länderspiel bei der EM 1993 in Italien. Wir spielten um Platz 3 gegen Dänemark, lagen bereits zur Hälfte 1:3 zurück. Ich saß schon das gesamte Turnier auf der Bank  und hoffte, noch spielen zu dürfen. Nach 60. Minuten war es soweit, Gero Bisanz wechselte mich ein. Welch Ehre, für Deutschland aufzulaufen! Ich fieberte sonst nur vor dem Fernseher oder auf der Bank mit. Plötzlich war ich mittendrin, trug stolz das Trikot der Nationalmannschaft. Ein unbeschreibliches Gefühl.
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Style PASS: Nach Ihrer aktiven Zeit ging es mit einer Karriere innerhalb des DFB für Sie weiter. Hatten Sie das Gefühl, den Frauenfußball hier effektiv unterstützen zu
können, auch strukturell?
 
Auf jeden Fall. Vor allem Helmut Sandrock hat mich damals als Generalsekretär stark unterstützt. Ich konnte mit ihm konstruktiv und sachlich diskutieren, auch über strukturellen
Bedarf. Das hat Wirkung gezeigt und uns enorm vorangebracht.
 
Style PASS: Ihre Tätigkeit als Trainerin der Frauenfußball-Nationalmannschaft. Hier ernteten Sie viel Kritik. Wie sehen Sie Ihre Zeit als Frauenfußball-Nationaltrainerin
mit etwas Abstand?
 
Auch wenn oft kritisch und nicht immer fair über mich berichtet wurde, blicke ich positiv auf diese Zeit zurück. Sie war lehrreich, in vielerlei Hinsicht. Besonders dankbar bin ich, dass
ich eine junge Mannschaft mit talentierten Spielerinnen aufbauen durfte. Das hat mir viel Freude bereitet.
 
Style PASS: Gerade sorgte die Herzogin Meghan für Aufsehen, als sie innerhalb eines Interviews mit Oprah Winfrey über angeblich erlebte Diskriminierung am britischen Hofe als Frau mit afroamerikanischen Wurzeln berichtete. Haben Sie hier Erfahrungen, die Sie zum Thema „Diskriminierung“ beisteuern möchten?
 
Was bei den britischen Royals passiert ist, kann ich nicht beurteilen. Fakt ist, Rassismus und Diskriminierung sind leider immer noch sehr präsent. Nicht nur im Alltag, sondern
auch strukturell. Da können auch wir in Deutschland nicht sagen, dass es bei uns anders ist. Ich kenne Ausgrenzung aus persönlichen Erfahrungen. Wichtig ist, nicht wegzuschauen oder den Kopf in den Sand zu stecken. Es gibt viele Menschen, die Diversität, Integration und Verständigung leben und sich dafür einsetzen. Diese Gemeinschaft und dieser Zusammenhalt stärken mir den Rücken.
 
Style PASS: Ihr Vater ist US-Amerikaner. Wie sehen Sie die Situation der USA, beziehungsweise, haben Sie durch Ihren Vater eine Beziehung zu den USA?
 
Die USA sind Teil meiner Biografie. Ich habe Familie dort und zwei Jahre in der Profiliga gespielt. Mein Bruder war amerikanischer Soldat und hat bei einem Einsatz im Irak nach
einem Terroranschlag beide Beine verloren. Ich verfolge, was sportlich und gesellschaftspolitisch in den USA passiert. Mehr aber auch nicht.
 
Style PASS: Sport und Politik, Politik und Sport, mitunter ein schmaler Grat. Sollte Fußball politisch sein? Sollten sich Fußballerinnen und Fußballer stärker gesellschaftspolitisch engagieren? Wie sehen Sie das?
 
Fußball hat eine enorme Strahlkraft. Profis haben eine Vorbildfunktion, sind nahezu immer in den Medien präsent. Sie können Verstärker für gesellschaftliche Themen sein, Sichtbarkeit schaffen, Menschen bewegen. Es gibt jedoch Grenzen. Die fangen dort an, wo Regierungen Sport instrumentalisieren und für eigene Zwecke missbrauchen.
 
Style PASS: Ihre Pläne für die Zukunft? Ein Projekt oder Engagement, das Sie mit Style PASS teilen wollen?
 
Momentan konzentriere ich mich auf meine zweite Karriere. Die hat als Organisationsentwicklerin einer Softwarefirma so gar nichts mit Fußball zu tun.

Mit Steffi Jones sprach Eva Britsch

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