Life & Body
Style PASS sprach mit einem Experten zum Thema Medikamentenmissbrauch im Sport
Griff zu Tabletten auch im Frauenfußball
Der Druck der allgegenwärtigen Leistungsgesellschaft: Der Griff zu Schmerztabletten scheint schnelle Abhilfe gegen Zipperlein jeder Art zu versprechen. Style PASS sprach mit Marc Pestotnik von der Berliner Fachstelle für Suchtprävention über das Tabuthema "Schmerzmittelkonsum im Sport".
Style PASS: Schätzungsweise 1,9 Millionen Menschen in Deutschland nehmen täglich Schmerzmittel ein - was sind die Gründe hierfür und was sind die möglichen Konsequenzen?
Marc Pestotnik: Medikamente sind uns leicht verfügbar, das ist erstmal gut. Die Schattenseite: Viele nutzen sie, um im Alltag leistungsfähig zu bleiben, besser zu schlafen oder Stress auszuhalten. Hierzu gehören eben auch Schmerzmittel. Dieses Vorgehen ist gesellschaftlich akzeptiert, und scheinbar auch erwünscht. Zudem gibt es leider Werbung für nicht-rezeptpflichtige Schmerzmittel, das macht sie präsenter. Die regelmäßige und unsachgemäße Einnahme von Schmerzmitteln kann schwere körperliche Konsequenzen haben. Problematisch wird es, wenn Tabletten zur schnellen Lösung für Belastungen werden. Die Wirkung setzt schnell ein, nachhaltige Alternativen, wie Ursachenklärung und - beseitigung, Schonung, Akzeptanz eigener Grenzen, Schlafhygiene etc. brauchen unter Umständen deutlich mehr Zeit.
Style PASS: Ein Tabuthema?
Ja, über Medikamentenmissbrauch wird insgesamt noch zu wenig gesprochen – deshalb bleibt das Thema oft unsichtbar.
Style PASS: Wo ist die Grenze zwischen dem Gebrauch von Schmerzmitteln und einer Abhängigkeit zu sehen?
Wenn der Gebrauch medizinisch notwendig und in der hierfür vorgesehenen Dosierung und Anwendungsdauer geschieht, ist das in der Regel unproblematisch. Kritisch kann es werden, wenn der Konsum zur Gewohnheit und nicht mehr hinterfragt wird, eine Funktion bekommt. Manche rezeptpflichtigen Schmerzmittel, die Opioide, können sehr schnell zu einer starken körperlichen Abhängigkeit führen.
Und: viele Betroffene merken lange gar nicht, dass sie abhängig sind.
Style PASS: Wann sollte man sich Hilfe suchen?
Wir empfehlen sich Rat zu suchen, wenn eine oder mehrere der folgenden Fragen mit „ja“ beantwortet werden können:
- Ich kann mir nicht vorstellen, einige Zeit auf »mein« Medikament zu verzichten.
- Ich habe mir einen kleinen Vorrat meines Medikamentes angelegt, das beruhigt mich.
- Ich merke, dass ich die Dosis langsam steigere, aber die Beschwerden werden nicht weniger.
- Mir ist es unangenehm, über meinen Medikamentengebrauch offen zu sprechen
Style PASS: Welche Rolle spielen Schmerzmittel im Sport?
Die Studienlage ist da unterschiedlich und variiert auch nach Leistungsniveau sowie von Sportart zu Sportart. Im Profisport ist die regelmäßige Einnahme von Schmerzmitteln, um den hohen Belastungen Stand halten zu können, übliche Praxis. Im Breitensport ist die Rolle der Schmerzmittel noch nicht ganz klar, allerdings scheinen diese vor allem im ambitionierten Amateursport ebenfalls gehäuft eingesetzt zu werden.
Style PASS: Ein Beispiel?
Der Wirkstoff Ibuprofen ist, trotz seiner Beliebtheit und leichten Verfügbarkeit, dafür bekannt, Nierenschäden verursachen zu können – vor allem in Verbindung mit sportlicher Belastung und Dehydrierung. Sportler*innen, die sich Wettkampfziele setzen und dem vieles unterordnen, nehmen Schmerzmittel, um Trainingseinheiten oder Wettkämpfe absolvieren zu können. Doch gehen sie damit immer ein Gesundheitsrisiko ein. Konsummotive, sind z.B. die Schmerzlinderung, -vorbeugung und die Hoffnung auf bessere Regeneration. Die Studienlage stützt diese Effekte jedoch nicht. Im Gegenteil. Schmerzmittel beeinträchtigen den Muskelaufbau und verzögern Heilungsprozesse. Die Gesundheit sollte vor kurzfristigen sportlichen Erfolg stehen.
Style PASS: Frauen und Männer - nutzen diese Schmerzmittel ähnlich?
Nein, insgesamt zeigen Bevölkerungsstudien, dass Frauen häufiger Schmerzmittel einnehmen als Männer. Hierzu trägt bei, dass Frauen häufiger von bestimmten akuten und chronischen Schmerzzuständen betroffen sind, wie z.B. Menstruationsbeschwerden. Auch Unterschiede im Gesundheits- und Inanspruchnahmeverhalten können eine Rolle spielen. Im Sport findet sich diese Geschlechterdifferenz ebenfalls – mit Hinweisen auf einen höheren Schmerzmittelgebrauch bei Sportler*innen.
Style PASS: Die Situation im Frauenfußball?
Auch hier ist der Schmerzmittelgebrauch verbreitet. Eine aktuelle Studie aus Schweden empfiehlt diesbezüglich spezielle Präventionsansätze. Die Autorinnen fordern geschlechtsspezifische beziehungsweise sensible Strategien, weil ähnlich häufige Schmerzen nicht mit ähnlich häufigem Schmerzmittelgebrauch einhergingen, Frauen griffen deutlich häufiger zu Schmerzmitteln. Daraus folgern die Autorinnen, dass Prävention nicht nur allgemein über Risiken von Schmerzmitteln informieren, sondern unterschiedliche Schmerzursachen und Einnahmemuster berücksichtigen sollte.
Style PASS: Haben Sie konkrete Forderungen an die Politik, was sich ändern müsste?
Prävention muss stärker mitgedacht werden. Denn wir wissen, dass Prävention die Gesundheit der Bevölkerung stärken und die Gesundheitskosten senken kann. Dies gilt auch für den Umgang mit Medikamenten in unserer Gesellschaft. Eine bundesweite Präventionskampagne zum achtsamen Umgang mit Medikamenten könnte den Blick der Allgemeinbevölkerung hierauf schärfen.
Ebenso wünschen wir uns strukturelle Veränderungen, zum Beispiel Warnhinweise auf Packungen von Medikamenten, die schnell abhängig machen oder ein Werbeverbot für Schmerzmittel und andere Arzneien mit Missbrauchspotenzial.
Style PASS: Gerade Kinder und junge Erwachsene sind beeinflussbar. Sollte das Thema in Schulen (stärker) thematisiert werden?
Besonders in der Altersgruppe von 14 bis 19 Jahren ist der Bedarf an Aufklärung zum Schmerzmittelgebrauch im Sport hoch, wie eine aktuelle österreichische Studie zeigt. Doch die Aufklärung zu verantwortungsvollem Umgang mit Medikamenten sollte generell früher ansetzen. Aufklärungsarbeit hierzu sollte in den Lebenswelten junger Menschen erfolgen. Das betrifft die Schule, genau wie Sportvereine oder die Jugendfreizeit. Hier gilt es grundsätzlich, ihre Gesundheitskompetenz zu stärken und eine Basis für gesundheitsförderliche Entscheidungen zu entwickeln. Erwachsene im Umfeld junger Menschen haben die Chance hier wesentlichen Einfluss zu nehmen: durch vorbildliches Verhalten und Haltung!
Vielen Dank
